Tomi Paasonen im Tacheles in Berlin
Uraufführung
HYBRID DISLOCATION
Wenn man alle Farben zusammenmischt, entsteht entweder bunt oder beige. Wenn man einen Eselhengst und eine Pferdestute kreutzt, entsteht ein Maultier. Nach dem Prinzip der Fremdbestäubung züchten wir Hybride aus unterschiedlichen Kulturen, geographischen Biographien und Landschaften. Was passiert, wenn man Folklore mit zeitgenössischem Tanz mischt? Was für hybride Wesen und Missgeburten entstehen, wenn man afrikanischen Tanz mit Mazurka und Polonaise, Tango mit Voodoo, Calypso und karibische Tanztraditionen verbindet? Was sind die Auswirkungen auf kulturelle Identitäten einer globalisierten Weltbevölkerung, die sich immer rasanter bewegt und zunehmend voneinander beeinflusst wird?
Vier Tänzer, die aus ganz unterschiedlichen Weltgegenden stammen – Challenge Gumbodete aus Harare (Zimbabwe), Justin Kennedy aus St. Croix (Virgin Islands), Simo Kellokumpu aus Kemijärvi (Lappland) und Marcin Baczyk aus Siedlce (Polen) -, nehmen mit einer Videokamera in ihrer Heimat Menschen, erinnerungsträchtige Landschaften, Verkehr und Bewegungsmuster im öffentlichen Raum auf. Dieses Material dient der Vorbereitung einer Bühnenproduktion, in deren Entstehungsprozess die verfremdeten Blicke auf die Heimat zu kulturellen Hybriden verschmolzen werden. Das mitgebrachte Filmmaterial aus den Heimatländern der Tänzer wird zusammen mit in Berlin aufgenommenen Bildsequenzen zu einem Tanzfilm verarbeitet, der im Rahmen der Aufführungen als Installation gezeigt wird.
Vom 23.09.2008 | Permalink »
Mozarts C-Moll-Messe vertanzt
Premiere am 4. Oktober in der Kirchen von St. Egidien in Nürnberg
Die tänzerische Umsetzung von Mozarts C-Moll-Messe, die immer wieder sowohl als großes Kunstwerk wie auch als unvollendeter Torso bezeichnet wird, stellt für einen Choreographen eine besondere Herausforderung dar: nicht nur weil die fragmentarische Partitur nicht geeignet ist, die Vorgaben der Liturgie vollständig einzulösen, sondern vor allem weil es sich um ein Werk handelt, das nicht für den Tanz geschrieben wurde. Durch die Präsenz von Chor, Solisten und Orchester weist es vielmehr eine große Komplexität und Fülle auf und kann so – selbst unvollendet – auch ohne den Tanz bestens existieren.
Eine mögliche Herangehensweise an die C-Moll-Messe wäre es, die fehlenden Teile durch tänzerische Sequenzen ohne Musik zu ersetzen. Eine andere, die vorhandene Musik durch Bewegungen zu untermalen. Cayetano Soto hat sich mit keiner von beiden Lösungen zufrieden gegeben. Er bewahrt dem Tanz seine Autonomie gerade dadurch, dass er die Partitur nicht Note für Note vertanzen lässt. Im Gegenteil, die Tänzer folgen zeitweise ihrem eigenen Rhythmus, der den Rhythmus der mozartschen Musik zum Teil unterläuft, vereinigen ihre Bewegungen aber doch immer wieder mit dem Fluss der Musik und lassen sie in ihr aufgehen.
Die vertanzten Abschnitte decken nur etwa die halbe Länge der Musik ab und werden von längeren Pausen unterbrochen. Sie sind, ähnlich wie die Sätze der Messe, klar voneinander abgegrenzt. Während die durch den liturgischen Text verbundenen Messteile sich musikalisch durch immer neue Motive deutlich voneinander unterscheiden, zeichnen sich die Tanzsequenzen gerade durch Ähnlichkeiten ihrer inneren Struktur aus: So greift jede neue Sequenz Bewegungsmotive aus der vorausgehenden auf und entwickelt sie weiter. Im Tanz verkörpert sich also eine ähnliche Spannung zwischen Bruchstückhaftigkeit und Geschlossenheit wie in Mozarts Komposition, jedoch auf andere Weise: Die getanzten Soli, Pas de Deux und Pas de Trois werden durch wiederkehrende Elemente zu einer stilistischen Einheit geführt, welche die nicht getanzten Intervalle überwindet.
Sotos Bewegungssprache hat eine klassische Basis, die häufig von geflexten und einwärts gedrehten Füßen modifiziert wird. In die Oberkörper der Tänzer, im klassischen Ballett meist statisch, bringt Soto wellenförmige Bewegungen. Vor allem die Pas de Deux sind technisch sehr anspruchsvoll, verlangen schnelle und sehr ungewöhnliche, manchmal geradezu akrobatische Bewegungen, fordern den Tänzern alles ab.
Das Ensemble besteht aus drei Tänzerinnen und einem Tänzer. Die aus klassischen Handlungsballetten bekannten dramatischen Verwicklungen zwischen Mann und Frau spielen hier keine Rolle. Entsprechend verzichten sowohl Choreographie als auch Kostüme auf überdeutliche Markierungen der Geschlechter: Zum Beispiel tragen die Frauen keine Spitzenschuhe oder Tutus. Eine der Tänzerinnen ist sogar in das gleiche Kostüm gekleidet wie ihr männliches Pendant und spielt mit dieser Vermischung der Geschlechterrollen auf die heute meist vergessene Tatsache an, dass in den Messen Mozarts die Sopranpartie häufig von männlichen Kastraten gesungen wurde.
Einem sakralen Musikwerk eine zweite Ausdrucksebene durch Tanz zu verschaffen, mag als Wagnis erscheinen. Man kann sich aber vor Augen halten, dass gerade die Messe ein Ritual ist, das durch das Handeln des Priesters, die Präsenz der zuhörenden und zuschauenden Gemeinde oder die im Grunde dramatische Struktur der Liturgie immer schon eine Affinität zum Theatralischen hatte. Es geht dem Tanz nicht darum, das liturgische Geschehen nachzuspielen. Doch eine darstellende Kunst wie der Tanz kann dieses theatralische Potential der Messe offen legen. Und zwar umso überzeugender, als Mozarts Musik selbst Anklänge zur Bühne, nämlich zur Oper und zum Oratorium, nicht verbergen kann. Nicht nur hat mancher Kritiker in der C-Moll-Messe Anlehnungen an den Stil der neapolitanischen Oper gehört; Mozart selbst hat die Musik des Kyrie und des Gloria wenige Jahre später für sein Oratorium “Davide penitente” wieder verwendet. Es sind solche Verbindungslinien zum Drama und zu den darstellenden Künsten, die dazu inspirieren, die C-Moll-Messe in einer Synthese mit einer choreographischen Kreation weiterzudenken.
weiter Informationen unter: http://www.musik-st-egidien.de/details.html
Vom 23.09.2008 | Permalink »
"Canela Fina" von Cayetano Soto -
begeisterte Resonanz beim Publikum in Sao Paulo
Die kompromisslose post-minimalistische Komposition “Weather” des amerikanischen Musikers Michael Gordon breitet einen Klangteppich aus, der jene Naturkräfte erzeugt, die aus Cayetano Sotos Choreografie “Canela fina” massiv hervorbrechen. Die Elemente sind in Unordnung geraten, eine undefinierbare Macht hat die Kontrolle übernommen, Hochgeschwindigkeits-Athleten ergreifen Besitz von der Bühne . Doch noch etwas anderes liegt in der Luft: Kleine Gesten und Bewegungen verweisen auf eine Energie, die sich einer rationalen Erklärung verschließt. Nach und nach verwandelt sich die sinnlich aufgeladene Atmosphäre in ein Szenario der emotionalen Spannung, der Verzweiflung. Der emotionale Ausnahmezustand ist allgegenwärtig: Er zeigt sich in den komplexen Pas de Deux wie auch in den starken Gruppenszenen. Er wird von den nervösen und repetitiven Rhythmen der Musik evoziert, aber auch von einer wiederholt eingesetzten natürlichen Substanz befeuert: vom Zimt – nicht nur ein Gewürz mit aphrodisierender Wirkung, sondern ebenso eine Art Staub und somit Symbol für den Ursprung wie auch die letzte Bestimmung aller materiellen Dinge. Sotos Stück gibt Einblick in die ständige Interaktion von äußeren Einflüssen und den inneren Zuständen der menschlichen Existenz, wie sie von den Bewegungen der Tänzer dargestellt werden. Der Zimt ist daher weniger in seiner wörtlichen Materialität zu verstehen als in seiner metaphorischen Bedeutung, wie es auch die titelgebende Redewendung “Canela fina” nahelegt.
Vom 07.07.2008 | Permalink »

