27.2.2010 in Arnheim: Premiere von Cayetano Sotos neuer Kreation "Kiss me goodnight"
Seiner Mutter, die ihm bis heute einen Gutenachtkuss gibt, widmet der Choreograph sein neues Stueck "Kiss me good night".
Foto: Hans Gerritsen
Er evoziert darin Kindheitserinnerungen, die ihn bis heute praegen und nimmt sich auch als erwachsener Kuenstler das Recht, die Welt mit Kinderaugen betrachten zu duerfen. Das Oberkereuzberger Nasenfloetenorchester spielt auf Kinderinstrumenten, die Musiker der Gruppe “Beirut” ueberzeugen gleichwohl durch ihren jugendlichen Charme und durch Texte aus vergangenen Zeiten. Soto hat zu diesen musikalischen Assoziationen wunderbar verspielte Pas de Deux entwickelt. In ihrer Freude am Ausprobieren scheinen die Taenzer jede technische Schwierigkeit zu vergessen, obwohl sie an ihre koerperlichen Grenzen gehen. “Kiss me good night” beweist, dass Virtuositaet, Schnelligkeit und Perfektion nicht im Gegensatz zu Naivitaet und Zerbrechlichkeit stehen.
Vom 27.02.2010 | Permalink »
Der Tanzkritiker Hartmut Regitz schreibt über die Uraufführung von Marco Goeckes "Pierrot Lunaire"
Foto: Hans Gerritsen
Nacht muss es sein, wenn Goeckes Sterne strahlen. Für den Hauschoreografen des Stuttgarter Balletts ist das Dunkel noch immer Licht genug – und in Holland wird der Meister aus Deutschland nicht ohne Grund als Erfinder des «ballet noir» gefeiert, so eingeschwärzt sind all die Stücke, die er seit einer Reihe von Jahren als Artist in Residence für das Scapino Ballet Rotterdam erarbeitet hat. Ein «Pierrot lunaire» kommt da nicht zufällig, und in der Tat hat das Schönberg-Opus seinen Interpreten schon vor längerer Zeit nachhaltig beeindruckt. Schließlich sieht sich Goecke selbst als Dichter, und die «Dreimal sieben Gedichte» von Albert Giraud, die Arnold Schönberg vor fast genau hundert Jahren vertont hat, lassen sich bei der ersten Begegnung ebenso wenig fassen wie seine eigenen Werke.
Anders als Glen Tetley, dessen «Pierrot lunaire» seit 1962 auf dem Programm vieler Ballettkompanien steht, versucht Goecke erst gar nicht, Licht in eine Geschichte zu bringen, die Giraud im übrigen gar nicht erzählt. Er lässt vielmehr die Körper seiner Tänzer sprechen, macht sie durchlässig für das dichterische Wort, bringt sie nicht zuletzt zum Atmen (was sich am Ende aber wie ein heißeres Krächzen anhört). Mal flattern die acht wie «finstre, schwarze Riesenfalter» über die Bühne. Mal meint man unter ihnen eine «bleiche Wäscherin» zu entdecken. Allein, bevor man ihrer habhaft werden kann, verflüchtigen sie sich, als wär’ all das Theater am Ende aus dem Stoff, aus dem die Träume sind. Allein Rupert Tookey, bleichgesichtig, mit schweißnasser Brust und schwarzen Hosen, gewinnt konkretere Kontur. Doch wie benommen vom alten «Duft aus Märchenzeit», verliert er zwischenzeitlich fast den Boden unter seinen Füßen, so leichtfüßig scheint er zu tänzeln. Allein, es sind am Schluss nur ein paar Luftballons, die schwerelos entschweben oder sich zu weißen Trauben ballen.
Wie in «Bravo Charlie», mit dem das Scapino Ballet den Abend «Reischl & Goecke, choreographen» in der nicht ganz ausverkauften Rotterdamse Schouwburg eröffnet, geht Goecke unbeirrt seinen Weg. Anders als sein Kollege Georg Reischl, der sich in «(framework) 7, 8.» allenfalls als Schrittmacher beweist, nicht jedoch als Choreograf, kümmern ihn Publikumserwartungen wenig. Man mag das bedauern, weil das Dunkel eben nicht immer Licht genug ist. Aber seine Konsequenz ist manchmal schon beängstigend, und deshalb kommt sie der Komposition Arnold Schönbergs auf eine verstörende Weise nahe. Auf den abendfüllenden «Orlando», der Ende der Saison in Stuttgart folgen soll, darf man gespannt sein.
Vom 14.02.2010 | Permalink »
Prinzessin Caroline von Monaco wurde im Grimaldi Forum für Ihr jahrelanges Engagement für den Tanz geehrt
Marco Goecke schuf zu diesem Anlass das Solo "Tué" und widmete es mit den folgenden Worten: "Die Musik von Barbara und vor allem die beide Lieder „Drouot“ und „Sid’amour à mort“ haben mich seit langem fasziniert und ich habe schon oft daran gedacht, dazu eine Choreographie zu schaffen. Als ich die Gelegenheit bekam, mit Bernice Coppieters ein Solo zu erarbeiten, kamen mir sofort wieder Barbaras Lieder in den Sinn. Für mich ist Bernice die ideale Besetzung für eine tänzerische Auseinandersetzung mit den starken Texten der Chansonnière. Mit der Widmung an Sie, sehr verehrte Prinzessin Caroline von Monaco, schließt sich für mich der Kreis in einem Solotanzstück, das drei außergewöhnliche Frauen zueinander in Beziehung setzt."
Tanz: Bernice Coppieters, Foto: Marie-Laure Briane
weitere Fotos unter: http://www.nadjakadel.de/de/backstage/gala-du-centenaire-des-ballets-russes/
Nach seinen Arbeiten „Whiteout“ und „Spectre de la rose“ für Les Ballets de Monte Carlo hat Marco Goecke nun das Solo „Tué“ kreiert. Zugrunde liegen zwei Chansons von Barbara. Gerade auf diese Musik zurückzugreifen, lag für ihn aus mehreren Gründen nahe: Zum einen hatte Barbara enge Beziehungen zur deutschen Kultur, zum zweiten hat sie sich selbst für den Tanz interessiert – sie hat sowohl als Schauspielerin mit dem Choreographen Maurice Béjart als auch als Pianistin mit dem Tänzer Mikhail Baryshnikov zusammengearbeitet. Und schließlich kommt die düstere Grundstimmung der beiden ausgewählten Lieder der Ästhetik von Marco Goeckes choreographischer Kunst entgegen. Seine eigenwillige, völlig neue Sprache evoziert durch extreme, äußerst schnelle und frenetische Bewegungen und ein ausgeklügeltes Lichtdesign eine beunruhigende, zugleich aber auch magische Atmosphäre.
Nadja Kadel
Vom 11.01.2010 | Permalink »


