15. Januar 2011, Lüneburg, Deutschland
Uraufführung des Ballettabends "Bachgeflüster" in der Choreographie von Francisco Sanchez.
In seiner ersten abendfüllenden Choreographie als Direktor des Lüneburger Balletts setzt sich Francisco Sanchez Martinez mit Musik von Johann Sebastian Bach und Wolfgang Amadeus Mozart auseinander. Dabei handelt es sich um eine Auswahl, die für das Genre des Balletts sozusagen prädestiniert ist: um Tänze. Von Bach wurden unter anderem die Orchestersuiten Nr. 2 und 3, die sich aus französischen Tänzen wie Sarabande, Rondeau, Bourrée, Polonaise oder Gigue zusammensetzen, von Mozart zwei mal Sechs Deutsche Tänze ausgesucht. Beide Komponisten, von denen noch weitere, kleinere Stücke hinzukommen, fordern das neunköpfige Ensemble auf ganz unterschiedliche Weise heraus.
Da dem Abend weder ein literarisches Werk noch ein Ballettlibretto im traditionellen Sinn zu Grunde liegt, sondern Kompositionen eines deutschen Barockmusikers und eines Wiener Klassikers, sind die „Handlungen“, die „erzählt“ werden, und die Perspektive, aus der erzählt wird, von der Musik evoziert. Der Unterschied zwischen den Musikstilen wird bereits am Bühnenbild deutlich, das im ersten, bachschen Teil ein Bild des Universums auf die Bühne projiziert und im zweiten, mozartschen Teil einen von Menschenhand gemalten Bühnenhimmel zeigt.
Der bachsche Teil könnte mit dem Titel „Philosophie“ oder „Geist“ überschrieben werden. Dies ergibt sich aus der Musik, die – obwohl es sich nicht um das für Bach eher typische Genre der Kirchenmusik handelt – durch ihre polyphone Struktur rational wirkt und dieses Element der Abstraktion auch im Tanz reflektiert. Dementsprechend hat der Choreograph eine neoklassische Tanzsprache mit modernen Einsprengseln gewählt und lässt einmal auch auf Spitze tanzen. Eine fast höfische Atmosphäre wird erzeugt, die musikalischen Stimmen spiegeln sich in Solopartien der Tänzer wider, die gleichberechtigt polyphone Struktur in den Bewegungen der einzelnen Tänzer in der Gruppe. Beim Betrachten dieses ersten Teils könnte man wie bei der Bildbetrachtung in einem Museum vorgehen: Beim Ansehen entsteht eine Stimmung, die man auf sich wirken lässt, jeder Zuschauer kann unterschiedliche Details entdecken und aus dem Gesehenen eigene Assoziationen entwickeln.
Was ist aber nun der Inhalt dieses ersten Teils des Abends? Er hat kein nacherzählbares dramatisches Thema, sondern ein gleichsam „hörbares“. Um dies zu verdeutlichen, kann man auf eine Episode aus der Ballettgeschichte zurückgreifen. Dem bedeutendsten neoklassischen Choreographen des 20. Jahrhunderts, George Balanchine, wurde einmal vorgeworfen, dass seine Stücke keine Handlung hätten. Eine Kritikerin der New York Times ergriff Balanchines Partei und konterte folgendermaßen: „Nichts könnte irreführender sein als die Behauptung, Balanchines Ballette hätten kein Thema, nur weil sie in den meisten Fällen keine Handlung haben. Die Handlung ist in der Musik.“
Ganz anders verhält es sich im zweiten, dem mozartschen Teil. Dem Charakter der heiteren, teilweise für Karnevallsbälle geschriebenen Tänze entsprechend, geht es hier ganz konkret zur Sache. Bodenständig, barfuß und in Schläppchen tanzend, modern und mit Bewegungselementen aus dem Jazz, verheddern sich die Tänzerinnen und Tänzer im Kampf mit alltäglichen Situationen, verwickeln sich quasi ineinander. Beispielsweise werben drei Tänzer um ihre Herzdame, die jedoch alle Verehrer abblitzen lässt und es vorzieht, von ihrem Traummann zu träumen. Und tatsächlich taucht dieser wie aus dem Nichts auf und streift ihr einen Rettungsring über, ein glückliches Paar hat sich gefunden. Emotionale Verstrickungen und kleine Tragödien wechseln ab mit humorvollen und komischen Episoden. Falls den erdverbundenen Akteuren dabei einmal die Frage nach dem Sinn in den Sinn kommt, dann werfen sie höchstens einen fragenden Blick gen Himmel, bevor sie sich erneut zurück ins Leben stürzen.
Nadja Kadel
Künstlermanagement Berlin
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