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Das Nederlands Dans Theater zeigte am 29.1.2014 Goeckes Uraufführung "Hello Earth" im Lucent Dans Theater

Lilo Weber schreibt am 6.2. in der Neuen Zürcher Zeitung:
"Die Bühne im Lucent Danstheater in Den Haag ist bedeckt mit gelben Kügelchen. Die haben es den Tänzerinnen und Tänzern vom Nederlands Dans Theater 1 (NDT 1) besonders angetan. Lustvoll hechten sie in die Masse, drehen ihre Pirouetten, dass die Kügelchen munter in die Luft springen. Und irgendwann steigt dieser Duft auf: Popcorn. Das ist selbstredend aufregend, zumal im darauffolgenden Stück, «Stop-Motion» von Sol Léon und Paul Lightfoot, wo sich die Tänzer im Mehl drehen. Indes: Aufregender noch als das fliegende Popcorn sind diese fliegenden Hände. Sie wirbeln durch Marco Goeckes «Hello Earth» wie die Pop-Körner. Während die Körner indes unbekümmert und zufällig ihren Weg aus dem Kreis ihrer Mit-Körner finden, drehen sich die Hände mit hysterischem Kalkül gegen innen. Wut, Schmerz, Verzweiflung, Dramatik, Spiel – all das spricht aus den Händen, die in den hektischen Szenen zu wachsen scheinen, weit über die Finger hinaus. Und nur scheinbar sind sie losgelöst von dem Körper der Tänzerinnen und Tänzer, gegen den sich die Hände drehen und von dem sie wieder und wieder ins Flattern geschickt werden. Seltsame Vögel sind es, die das neuste Stück des deutschen Choreografen bevölkern. Stehen sie still, erinnern sie an Möwen, die vom Strand in Scheveningen ins Stadtzentrum gezogen sind und sich nun inmitten von Beton und Asphalt anstelle der erhofften Hamburger ein urbanes Trauma geholt haben."

Foto: Nederlands Dans Theater 1, Hello Earth, Rahi Rezvani 2014
Tanz: Ema Yuasa und Cesar Faria Fernandes

After Marco Goecke’s choreography „Supernova“ from 2009 was reaching out to the stars, in his new creation „Hello Earth“ our terrestrial world seems to be observed from space. And some phrases Goecke told his dancers during the rehearsals reach our ears like fragments from out there: The world is a trial. Try to run away with your arms. Like turning a page. Live and die. Just tea and concentration. How would you give up? It’s just us here. Exaggerate that, it has to hurt. Hold the hand as if you feel the pulse. Up here you are busy with something in your head and down there life goes on. The answer is not in words. You are an alien. I do what I want to. Columbia, back on earth! Maybe when the first couple comes, the heart breaks. There is no second cast for your life. The question is where do you go? You should not look insecure. A sad Persian carpet. In that cuteness, can you look a bit evil? Like a dangerously snapping turtle. The end is important. As big and as free as you can. It is all just one second in space.

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Vom 04.02.2014 | Permalink »

Was noch passiert, während Demis Volpi in Stuttgart und Riga an Uraufführungen arbeitet:

Demis Volpi, Hauschoreograph des Stuttgarter Balletts, wird in diesem Jahr im Rahmen des Guest Artist Program als Gastchoreograph an der National Ballet School in Toronto berufen. Volpi, der selbst Schüler an der National Ballet School war, und neben seiner jetzigen Anstellung in Stuttgart international als Choreograph arbeitet, ist der erste Künstler, der von der Schule eingeladen wird, als Guest Artist an diesem neuen Programm mitzuwirken. Der Vorschlag der Schule, den jungen argentinischen Choreographen Demis Volpi für den Auftakt des Guest Artist Programs zu gewinnen, überzeugte vor allem den Förderer des Programms, die Leon und Thea Koerner Foundation. Die kanadische Stiftung unterstützt seit 1955 Organisationen im kulturellen und sozialen Bereich bei Projekten, die zur kulturellen Bildung beitragen.
Die National Ballet School wird am 17. und 18. Februar bei der Tanzbiennale in Dresden bereits einen Ausschnitt aus Volpis neuem Stück zeigen, das im Mai 2014 in Toronto uraufgeführt werden wird.

Vom 04.02.2014 | Permalink »

„Romeo und Julia“ von Giovanni Di Palma - Uraufführung am 21.11.2013 im Teatro Sergio Cardoso in Sao Paulo

Seine ersten Proben zu „Romeo und Julia“ hat Giovanni Di Palma dem Herzstück des Dramas gewidmet, dem großen Liebes- oder Balkon-Pas de Deux. Aline Campos Ferro Rocha ist seine Julia, Nielson Souza sein Romeo, zwei jugendliche Tänzer, denen man auf Anhieb glaubt, dass sie sich Hals über Kopf ineinander verlieben. Sie überzeugen mit Natürlichkeit in Di Palmas fließender Choreographie. „Es war sehr wichtig für mich, direkt so emotional in dieses Drama einzusteigen“, sagt Di Palma über seine erste abendfüllende Produktion. Bis vor wenigen Jahren stand er selbst als Tänzer auf der Bühne, und in „Romeo und Julia“ hat er schon mit achtzehn Jahren in John Crankos maßgebender Version mitgewirkt.

Foto: Silvia Machado; Tanz: Aline Campos Ferro Rocha und Nielson Souza

Wie Cranko hat auch er seiner Choreographie die Musik von Sergej Prokofjew zugrunde gelegt, diese jedoch stark gekürzt. Was bei Prokofjew als Ballett in drei Akten, zwölf Bildern mit Prolog und Epilog angelegt war, hat Di Palma zu einem Ballett in zwei Akten und 10/11 Szenen kondensiert. Prokofjew hat seine Ballettmusik 1938 komponiert und für eine neue Aufführung in Leningrad 1940 überarbeitet. Das mächtige neoklassische Werk ordnet den Hauptfiguren musikalische Leitmotive zu. Auch deshalb vermittelt sich das Geschehen problemlos: Die Musik kommt der starken gestischen Qualität von Shakespeares Vorlage entgegen, die Kämpfe zwischen den verfeindeten Clans der Capulet und der Montague vermitteln sich auch ohne wortreiche Erklärungen der Standpunkte.

Für seine Neuinterpretation schafft Di Palma die Atmosphäre einer historischen italienischen Stadt in einem heißen Hochsommer, eine gespannte Stimmung, in der die Gemüter sich leicht erhitzen. Das Bühnenbild und die Kostüme von Jérome Kaplan sind ähnlich wie der Tanz bewusst klassisch gehalten. „Es ging mir nicht darum, eine revolutionäre Version der Geschichte zu kreieren“, erläutert der Choreograph. „Was mich besonderst interessiert hat, sind die Motive, die die Personen zu ihren Handlungen verleiten.“

Durch diese genuin dramatische Zugangsweise nähert sich seine Version einerseits stärker an Shakespeares Tragödie an als viele andere „Romeo und Julia“-Ballette. Italien, wo schon Dante die beiden verfeindeten Adelsgeschlechter der „Cappelletti“ und „Montecchi“ in seiner „Divina Commedia“ erwähnt hatte, war auch das Land, in dem ein Choreograph das Werk zum ersten Mal auf die Tanzbühne brachte: 1785 schuf Eusebio Luzzi in Venedig ein fünfaktiges Ballett über Romeo und Julia. Seitdem haben sich Choreographen immer wieder mit dem Stoff befasst, unter anderem Bronislawa Nijinska und George Balanchine, Tatjana Gsovsky, Leonid Lawrowski, Frederick Ashton, John Cranko, Rudolf Nurejew und Kenneth MacMillan.

Andererseits reduziert Di Palma die von Shakespeare erfundenen Hauptfiguren auf das Wesentliche. Der Aspekt der Macht ist nur durch zwei Personen repräsentiert: Für die politische Macht steht Julias Mutter, Lady Capulet, für die geistliche Macht Pater Lorenzo. Von der politischen Macht droht physische Gewalt, hier repräsentiert von Lady Capulets Neffen Tybalt, der sich gleich zu Beginn in einem Schwerterregen eine Waffe verschafft. Der Vertreter der geistlichen Macht, Lorenzo, ist eine Schlüsselfigur, weil sein Handeln von einem moralischen und zugleich politischen Motiv bewegt wird: Er verheiratet Romeo und Julia, weil er dadurch den Streit der Familien beenden will. Es geht ihm nicht darum, zwei Verliebten einen Gefallen zu tun. Dies wäre durch Romeos Verhalten, der anfangs in eine andere Frau (Rosalinde) verliebt war und den Lorenzo daher für sprunghaft hält, auch gar nicht gerechtfertigt. Der Pater möchte mit der Heirat die Voraussetzungen für den Frieden und damit für die Möglichkeit von Politik schaffen.

Diese Motivation Lorenzos und das unvorhergesehene Scheitern seines Planes werden in Di Palmas Choreographie ausdrücklich gezeigt: Man sieht wie der Bote, der Romeo über den nur fingierten Tod Julias hätte informieren sollen, fast zufällig abgefangen wird. So wird deutlich, warum das Kalkül des Paters nicht aufgeht, denn Romeo und Julia sterben. Aber dennoch wird gerade durch das Liebesopfer des Paares am Ende zumindest die Möglichkeit für eine Versöhnung zwischen den verfeindeten Parteien geschaffen.

Di Palmas Choreographie kommt Shakespeares Drama auch deshalb entgegen, weil dieses den ewigen Gegensatz zwischen dem Individuum und der Gesellschaft, in der es lebt, zum Thema macht. Gerade hierin liegt die spezifische Eignung von „Romeo und Julia“ für das Ballett, denn in kaum einem anderem Stoff fügt sich das Wechselspiel zwischen Solopartien und Corps so kraftvoll zu dem von der Geschichte inszenierten Antagonismus von Individuum und Gesellschaft. Der Tanz vermittelt diese Spannung physisch. Er bedarf der Sprache nicht.

Nadja Kadel

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Vom 11.11.2013 | Permalink »

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