"Infant Spirit" - Marco Goecke kreiert ein Solo für Rosario Guerra und Gauthier Dance
Angela Reinhardt schreibt in der Esslinger Zeitung darüber: "Ein Solo über Angst und Suchen, aber mit einem zuversichtlichen Schluss ist Marco Goeckes „Infant Spirit“, das von der Jugend des Choreografen in Wuppertal erzählt – der Stadt von Pina Bausch, der sein Stück gewidmet ist.
Zwei Songs der Gruppe Antony and the Johnsons erzählen von Tränen, vom Fallen und von den Eltern; der Solist im grauen Anzug wird zu einem kleinen Jungen, der fröhlich dahinhüpft, der die zum Fliegen gebreiteten Hände versteckt. In Rosario Guerras empfindsamem Körper sieht man Unsicherheit, Aufbruch, Versteckenwollen und Hinausdrängen aus der Enge. Man sollte Goeckes dichte, oft viel zu schnell vorüberfliegende Bewegungen intensiver lesen, denkt man bei jedem seiner Stücke – und bleibt doch oft in ihrer rätselhaften Schönheit befangen. Halb eleganter Verehrer und halb bunter Clown, heftet sich der Tänzer zum Schluss wie ein Lebensmotto eine blassrosa Nelke ans Revers, als Hommage an die große Pina, die einst ein ganzes Stück auf einer Wiese dieser Blumen tanzen ließ. Auf Goeckes kryptische Art ist das die tiefe künstlerische Verneigung vor dem Lebenswerk der Choreografin (…).”
Vom 23.07.2018 | Permalink »
Erneuter Geniestreich von Marco Goecke mit "La Strada"
Der Choreograf Marco Goecke erneuert mit leichter Hand das Handlungsballett: Am Münchner Gärtnerplatztheater zeigt er "La Strada" nach Federico Fellinis neorealistischem Schausteller-Drama.
Foto: Tnaz: Javier Ubell, Verónica Segovia
Copyright: Marie-Laure Briane
Eva-Elisabeth Fischer schriebt darüber in der Süddeutschen Zeitung:
“Gewalt ist vom ersten Moment an allgegenwärtig in “La Strada”, Federico Fellinis neorealistischem Schausteller-Drama. Und so ist das auch bei Marco Goeckes Ballett “La Strada”, das er für die Kompanie des Gärtnerplatztheaters in München choreografiert hat. Die Männer schlagen zu, wenn sie unbekannte Gefühle nicht zulassen können; die Frauen sind für sie Ware, nach Gusto abgerichtet wie Hündchen.
Komponist Nino Rota ließ dazu melodramatisch aufwallen, was Zampanò erst ganz am Ende übermannt: die Verzweiflung über seine ungelebte Liebe und deren Verlust. Rotas Filmmusik, die er 1966, zwölf Jahre nach Fellinis berühmtem Film, zu einer Ballettsuite verarbeitete, begleitet Marco Goeckes “La Stada”, schwungvoll dirigiert von Michael Brandstätter und entsprechend energetisch musiziert vom Orchester des Gärtnerplatztheaters. Die Musik ist temperamentvoller, manchmal auch ironischer Kommentar zum Bühnengeschehen, denn Musik bloß zu vertanzen liegt Goecke fern. Vielmehr legt er noch eine weitere Klangschicht darüber: die Schreie, die unartikulierten Lautmalereien der Tänzerinnen und Tänzer, Klangpartitur derer, die unfähig sind auszudrücken, was sie bewegt.
Dabei bleibt der Choreograf eng an Fellinis Film, einzelne Szenen haben wie im Film deutlich Nummercharakter. Das bietet dem Ensemble allerdings die Gelegenheit, in einem groß angelegten Divertissement zu brillieren. Die einzelnen handlungsrelevanten Episoden sind dagegen eher als Zitate angelegt. Wer den Film nicht kennt, dürfte einige Schwierigkeiten haben, sich zurechtzufinden.
In dieser Vagheit liegt jedoch auch die Stärke der Choreografie: Goecke schafft so eine zeitgemäße Form des Handlungsballetts. Indem er die Geschichte einer verpassten Liebe abstrakt verfremdet, sogar bis zur Groteske wendet, aber ganz ohne Zirkusfolklore und Milieu-Tristesse, gelingt ihm ein großer Wurf. Der Tanz ist dabei nicht Diener der Handlung, er ist die Handlung. Er erzählt von den Menschen und schafft Erkenntnis über die Konsequenzen ihres Handelns. Das gelingt, weil Marco Goecke nach nunmehr sechzig Balletten, von denen er die meisten als Hauschoregraf fürs Stuttgarter Ballett kreierte, mit frappierend leichter Hand sein spezielles Bewegungsvokabular mit immer neuen Wendungen und Finessen versieht.
Gelsomina, die weibliche Hauptrolle in “La Strada” ist natürlich immer nur ein Teil einer Dreiecksbeziehung. Denn Zampanò, der brutale Kraftlackel, der sie als Sklavin hält, vergnügt sich mit Prostituierten. Özkan Ayik verkörpert ihn mit imposanter Präsenz, aber auch mit einem inneren Beben, das die Kraftpose unterläuft. Seine Gegenspieler sind Matto, der zartfühlende Seiltänzer Javier Ubell), und der Clown (Alessio Attansio) als jeweils missliebige Dritte. Bevor Zampanò Matto aus Eifersucht umbringt, sorgen die beiden Männer für die hinreißendste Szene des Abends: das wortlose Duell zweier Raucher, die, in einer Achteldrehung einander zugewandt, immer hektischer an ihren Zigaretten ziehen, bevor sie handgreiflich werden. Donnernder Applaus.”
Vom 23.07.2018 | Permalink »
Uwe Scholz' "Air!" ist nach vielen Jahren zurück in Stuttgart
Die John-Cranko-Schule bringt bei ihrer 20. Jahresabschlussvorstellung am 8. Juli 2018 „Air!“ von Uwe Scholz wieder auf die Bühne
Petra Mostbacher-Dix schreibt über die Vorstellung in den Stuttgarter Nachrichten:
“Sie erinnern an antike Statuen. Weit recken die Tänzerinnen ihre Arme gen Himmel, beseelt lächelnd. Auch als sie von ihren männlichen Gegenparts galant gekippt, mit ausgestrecktem Arm zur Seite zu gezogen werden, wirkt das leicht, elegant, wie Perlen an einer Kette. Dabei vollführen die Paare Hebungen und Figuren höchster Schwierigkeitsgrade. In seiner Choreografie zu Johann Sebastian Bachs „Air“ bewies der geniale Tanzschaffende Uwe Scholz 1982 einmal mehr, mit welcher Musikalität er gesegnet war. Der zu früh Verstorbene hätte in diesem Jahr seinen 60. Geburtstag gefeiert. Nun brachte Tadeusz Matacz, Direktor der John-Cranko-Schule, „Air“ wieder auf die Bühne. Und wie dies Studierende der Akademie A und B bei der 20. Jahresabschlussvorstellung der John-Cranko-Schule interpretierten, das war mehr als Tanz.”
Vom 11.07.2018 | Permalink »

