Uraufführung "Lovebirds" von Marco Goecke mit dem Tschechischen Nationalballett
Mit „Lovebirds“ präsentiert Marco Goecke eine Uraufführung für 18 Tänzerinnen und Tänzer des Tschechischen Nationalballetts. Das Werk entfaltet sich als intensive Studie über Identität, Verletzlichkeit und die Möglichkeit von Liebe in einem Zustand permanenter Anspannung.
Am Anfang steht ein einzelner Körper im Raum. Noch bevor Musik erklingt, ist eine Stimme zu hören: Die Choreografie beginnt mit einem Solo zu einem Interviewausschnitt von James Brown, ausgestrahlt auf CNN. Es ist einer der legendärsten und zugleich irritierendsten Medienauftritte des Musikers. Browns Stimme erscheint fragmentiert, ausweichend, zugleich unbeirrbar selbstbehauptend. Seine Antworten verweigern sich der Logik des Interviews: Auf Fragen nach juristischen Vorwürfen und persönlicher Verantwortung reagiert er mit trotzigem Nachdruck – „Nothing’s wrong!“ oder „No, I’m not.“ Statt sich der äußeren Zuschreibung zu fügen, setzt er seine eigene Wirklichkeit dagegen.
Sprache wird hier selbst zum choreografischen Material. Browns Sprechen besitzt Rhythmus, Atem, Widerstand. Es ist kein kohärentes Erzählen, sondern eine performative Schleife aus Abwehr, Selbsterschaffung und musikalischer Erinnerung. Immer wieder lenkt er das Gespräch zurück auf seine Songs, ruft: „Let’s talk about some music!!“, zitiert seine Songs „It’s a Man’s Man’s Man’s World“ oder „Living in America“. In einem der eindrucksvollsten Momente ersetzt er die juristische Realität durch eine poetische Behauptung: „I’m out on love!“ – eine Transformation von rechtlicher Kontrolle in emotionale Selbstdefinition.
Diese Stimme eröffnet den Abend nicht als Begleitung, sondern als Widerlager. Der Körper des Tänzers reagiert auf das gesprochene Wort, als wäre es ein physischer Impuls. Bewegung entsteht aus Reibung.
Aus diesem Prolog heraus öffnet sich der musikalische Raum in zwei unterschiedliche Klangwelten. Das Doppelkonzert für zwei Streichorchester, Klavier und Pauken (1938) von Bohuslav Martinů, entstanden im Schatten der politischen Spannungen vor dem Zweiten Weltkrieg, ist geprägt von rhythmischer Dichte, innerer Unruhe und scharfen Kontrasten. Es wird für diese Choreographie live vom Orchester gespielt. Martinůs Musik erzeugt eine Atmosphäre permanenter Alarmbereitschaft – ein Zustand, der sich unmittelbar in Goeckes nervöser, hochfrequenter Bewegungssprache spiegelt.
Dem gegenüber stehen Songs von James Brown wie „It`s a Man’s Man’s Man’s World“ und „Lost Someone“. Ihre rhythmische Direktheit, ihre Wiederholungsstrukturen und ihre emotionale Offenheit verschieben den Fokus auf den Körper als Ort von Ausdruck, Begehren und Selbstbehauptung. Browns Musik erzählt von Verletzlichkeit und Stärke zugleich – von einem Körper, der nicht nur reagiert, sondern selbst Bedeutung erzeugt.
Zwischen diesen musikalischen Polen bewegt sich das Ensemble wie ein empfindliches soziales Gefüge. Im Laufe der Choreographie finden sich immer wieder Paare zusammen, die ihre kleine Geschichte erzählen. Umarmungen, Nähe, Hoffnung, Trennungen. Doch die fragile Gemeinschaft bleibt bedroht. Unruhe, Fluchtimpulse und plötzliche Spannungen durchziehen den Raum. Nähe wird kostbar, fast unmöglich. Und dennoch bleibt sie bestehen – als leiser Akt des Widerstands.
Wenn Goecke in einer Probe zu seinen sich eng umarmenden Tänzern sagt: „My little love birds – I have you here in a little cage“, weiß oder fühlt man sie sicher wie in einem Käfig: sicher, aber eben auch gefangen.
Einmal, wenn die „Lovebirds“ erscheinen, geht ein kollektives „ahhhh“ durch die Gruppe, ein Laut zwischen Staunen, Sehnsucht und kindlicher Unschuld. Doch die Idylle bleibt brüchig. Panik durchzieht das Ensemble, Körper zucken, Blicke suchen Halt. Ein Tänzer flüstert: „The is a bomb“, und verschwindet schnell. Der Satz kehrt wieder, wie ein Echo einer unsichtbaren Bedrohung. Die Gefahr ist spürbar. Vielleicht ist sie innerer Natur, vielleicht politisch, vielleicht beides.
„Lovebirds“ zeichnet eine Bewegung vom exponierten, verunsicherten Körper hin zu einem Körper, der sich durch Rhythmus, Präsenz und Beziehung behauptet. In einer Welt latenter Bedrohung wird Liebe nicht als Idylle gezeigt, sondern als fragile, notwendige Kraft – verletzlich und zugleich von existenzieller Dringlichkeit. „Love Birds“ ist kein romantisches Ballett. Es ist eine fragile Studie über Nähe unter Druck, über das Bedürfnis nach Liebe in einer Zeit, die kaum Raum für Liebe lässt.
Nadja Kadel
(02.06.2026)




Künstlermanagement Berlin
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